Hypothek auf die Zukunft. Von Karl R. Stadler (1968).

Entstehung der österreichischen Republik 1918-1921.

Stadlers objektiver Kommentar zu offiziellen Dokumenten der Friedenskonferenz und geheimen Sitzungsprotokollen der alliierten Staatsmänner, die zum Teil erst nach dem Zweiten Weltkrieg freigegeben wurden, sowie zu unveröffentlichten Berichten und zeitgenössischen Memoiren rückt das Bild von der Entstehung des neuen Staates ins richtige Licht.

Die Auflösung der Donaumonarchie war nicht der "Willkür der Siegermächte" zuzuschreiben, sondern dem Unvermögen des alten Regimes, das Nationalitätenproblem zu lösen. Die wachsenden nationalen und sozialen Spannungen, die drückende Last des Krieges und das Beispiel der russischen Revolution hatten zum Zusammenbruch des Vielvölkerstaates geführt. Als die Friedenskonferenz zusammentrat, mußte sie die vollendeten Tatsachen zur Kenntnis nehmen. Nur mit Gewalt hätten die Völkerschaften wieder in ein gemeinsames Reich - oder selbst in eine Föderation - gezwungen werden können.

Aus dieser Situation ergaben sich politische, territoriale und wirtschaftliche Probleme. War die junge Republik die Rechtsnachfolgerin der Monarchie und daher allein mit der Kriegsschuld behaftet und als "Feindstaat" zu betrachten? Mit welcher Begründung sollten sich die Alliierten dem Wunsch der Österreicher nach Vereinigung mit dem nunmehr demokratischen Deutschland widersetzen? Inwieweit hatten die Sieger überhaupt eine gemeinsame Linie Österreich gegenüber und eine klare Vorstellung über dessen zukünftige Rolle?

In territorialer Hinsicht galt es einen Ausgleich zwischen den Erklärungen der Entente und den realen oder vermeintlichen Bedürfnissen der Nachfolgestaaten zu schaffen. Die Wiener Regierung mußte den Anschluß Vorarlbergs an die Schweiz verhindern und um das Recht der deutschsprachigen und der kroatischen Bevölkerung Westungarns auf Selbstbestimmung ringen. Nach dem Verlust Südtirols und der Sudentengebiete kam die Kärntner Volksabstimmung. Was der Republik an Territorium verblieb, war ein verstümmelter, verarmter Rest, der von den Alliierten notdürftig am Leben erhalten werden mußte.

Im wirtschaftlichen Teil des Friedenswerkes zeigten sich die Grundmängel der Konzeption: Die Verquickung von Hilfsmaßnahmen mit politischen Forderungen, die Unterwanderung der österreichischen Wirtschaft durch alliierte Interessen und die Einsetzung eines "Finanzdiktators des Völkerbundes", vor allem aber die Leichtfertigkeit, mit der man die Auflösung einer großen Wirtschaftseinheit hinnahm, ohne sich ernsthaft um ein System der demokratischen Zusammenarbeit zu bemühen.

Außer den alliierten Stimmen kommt auch die österreichische Delegation in Saint-Germain ausführlich zu Wort, und ihre Bemerkungen zu den drei Versionen des Vertrages, die zu einigen wesentlichen Verbesserungen führten, sind Aussagen von historischem Wert. Durch die umfängliche Dokumentation und die sachliche Darstellung des österreichischen wie des alliierten Standpunktes füllt dieses Buch nicht nur eine Lücke im historischen Schrifttum, sondern trägt auch zum Verständnis der Situation des heutigen Österreichs bei.


Gebundene Ausgabe.
Europa Verlag.
Preis: 20 EUR.


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